Puchheim, 6. Mai 2001

Radfahren von A bis Z:

Von (A)nif nach (Z)alakaros

18 Radler besuchen Puchheims Partnerstädte in Ungarn

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Wenn man eine große Reise unternimmt, dann gibt es viel zu erzählen. Vom 22. April bis 1. Mai waren die Freunde des Radwanderns Puchheim – ein loser Zusammenschluss von Mitgliedern der Sportfreunde Puchheim, der Unabhängigen Bürger Puchheim und des ADFC - unterwegs, um bei den 10-Jahresfeiern der beiden Puchheimer Partnerstädte in Ungarn, Nagykanizsa und Zalakaros, dabei zu sein.

Unter der Führung von 2. Bürgermeister Dr. Koch und seiner Gattin erreichten die 18 Radlerinnen und Radler fortgeschrittenen Alters auf einer herrlichen Route quer durch die Alpen das südwestliche Ungarn. Sie durcheilten in nur einer Woche nicht nur drei Länder, sondern auch drei Jahreszeiten: Winter, Frühling und Sommer.

Wieder einmal bestätigte sich: Sport verbindet. So haben die ungarischen Gastgeber die Idee, mit dem Radl zu kommen, mehr als gewürdigt. Und es ist nicht auszuschließen, dass beim Gegenbesuch im Oktober eine ungarische Rennradmannschaft in die Allinger Straße einbiegt. Die herzliche Gastfreundschaft, die unkomplizierte Aufnahme durch die ungarischen Gastgeber wird die Radlergruppe sicher nicht vergessen. Um es ganz kurz auszudrücken: Fahrt und und Aufenthalt waren ein Erlebnis. Sie wurden von keiner Panne oder Unfall getrübt.

Zehn Tage im Stenogramm für die Daheimgebliebenen (etwas länger in Gedichtform): Sonntag. 22. April, 7.15 Uhr S-Bahnhof Puchheim: Es ist nasskalt und schneit; Puchheim schläft noch. 18 Radler/innen schauen trotzdem gutgelaunt in einen trüben Himmel. Temperatur nur wenig im Plusbereich. Eine gut durchdachte Route steht auf dem Programm. Schnell ist man am Münchner Hauptbahnhof und steigt in den Regionalzug nach Salzburg. Nach knapp zwei Stunden ist die Landesgrenze und Salzburg erreicht. Auf in den Sattel. Jetzt begleitet der berühmte Salzburger Schnürlregen die Radler – auch als man nach einem kurzen Aufenthalt in Schloß Hellbrunn den Salzburger Vorort Anif erreicht. Auf dem Dammweg entlang der Salzach, über Hallein sind es nur knapp 40 km und über Kuchl wird der Bahnhof in Golling erreicht. Ein gecharterter Bus mit riesigem Fahrradanhänger bringt Radler und Räder über die Tauern und erreicht das erste Etappenziel in Muhr (l100 m). Fast überraschend hat der Regen aufgehört. Da diese Strecke bisher kaum Anforderungen stellte, gleich noch eine Fleißaufgabe für einige Unentwegte: zur Murquelle! Nicht gerade radlerfreundlich war der Anstieg, teilweise 16 %; links und rechts der Straße wäre Skilauf möglich gewesen. Das Ende kam selbst für die "Wuiden" überraschend. An der Arsenhütte, 1390 m, (früher wurde hier Arsen gewonnen) war die Plagerei zu Ende. Grund: eine schneebedeckte Fahrbahn. Umso schöner war die rasante Abfahrt!

Der nächste Tag, die 2. Etappe, war die perfekte Überraschung: Strahlender Sonnenschein, wolkenloser Himmel und die Dreitausender der Tauern in gleißendem Sonnenlicht, aber auch vier Grad Minus. Der Eindruck, einen wunderbaren Skitag statt einer Radltour mit etwa 75 km vor sich zu haben, lag wesentlich näher. Denn der Mur-Radweg war noch nicht geräumt (gut 10 cm Schnee). Aber der Umstieg auf die Straße brachte keine Nachteile. Ab St. Michael war nicht nur die Temperatur angenehm, auch der Radweg war wieder schnee- und eisfrei. Was machte es schon aus, dass man nach Tamsweg (1000 m) den eigentlichen Mur-Radweg, eine stark befahrene Bundesstraße, verlassen musste und sich bis Seethal wieder fast auf 1200 m hinan kämpfte. Eine rasante 20 km Abfahrt fast ohne Autoverkehr brachte eine echte Belohnung. Schnell war das Ziel in Murau erreicht.

Und wieder wurde es wärmer: Von Murau nach Zeltweg (75 km) fuhren wir in einen Frühlingstag hinein. Und es stimmte, daß hier in dieser Gegend die Steiermark und ihr bekanntestes Kind, die Mur, ihr schönstes Naturgesicht zeigt. Wald, Berge und nach jeder Kehre ein anderer faszinierender Ausblick. So ist es verständlich, dass der Mur-Radweg Jahr für Jahr an Beliebtheit zunimmt. Wenn man bedenkt, dass die Mur 444 km lang ist, so zeigt sie in Judenburg schon eine beträchtliche Breite. Von hier zum Etappenort Zeltweg war es nur noch ein Katzensprung. Zeltweg? Da war doch noch etwas? Ja, der A-1-Ring der Vollgasbranche Formel l. Und für einige unserer Radler war dies ein Erlebnis der besonderen Art. Jedenfalls drehten sie nach 18 Uhr einige (Fleiß-)Runden. Und eine Steigung mit 12 % beanspruchte Radfahrermuskeln wesentlich stärker als den Gasfuß eines Michael Schuhmacher.

Das Wetterglück stand bei der vierten Etappe (Zeltweg-Frohnleiten, 89 km) auf der Seite der Puchheimer Radler. Man erreichte während der Fahrt durch Bruck an der Mur den nördlichsten Punkt der ganzen Mur-Radreise. Fast im rechten Winkel, immer noch sehr lebendig, biegt die Mur nach Süden in Richtung Frohnleiten ab. Und dieses Städtchen mit einem putzigen Altstadtkern liegt malerisch eingebettet an den Hängen der Mur; in den Hang hineingebaut war auch das Super-Hotel Frohnleitner Hof. Dort konnten sich die müden Radler in einer großen Sauna entspannen.

Nicht ganz zufriedene Gesichter brachte der fünfte Tag: War es zuerst nur leichter Regen, wurde daraus gar schnell ein sehr nasser Radlertag. Kurz gesagt, nach 80 km Fahrt bis Leibnitz gab es kaum noch trockene Stellen am Radlerdress. Aber für kurze Zeit hatte Petrus doch seine Dusche abgestellt. Genau zu jener Zeit, als man die steirische Hauptstadt Graz erreichte. Und diese Stadt kann viel bieten. Eine glänzend aufgeputzte Altstadt, den Uhrenturm, die Oper, auch das Denkmal des Dichters Peter Rossegger. Beim Aufbruch zur Weiterfahrt brach wie auf Kommando das Unheil erneut über die schon feuchten Radler herein. Gut, der Mur-Radweg, diesmal nicht asphaltiert, war ganz gelinde gesagt, leicht überflutet und nur noch in Umrissen zu erkennen. Die besondere Überraschung am Etappenort Leibnitz: der Wirt stand schon mit dem Wasserschlauch an der Straße; die Ähnlichkeit mit einer Waschanlage für Radler und Räder war nicht zu bestreiten.

Aber nicht verzagen, wieder schön und sonnig war die vorletzte Etappe von Leibnitz (Österreich) nach Gosztola (Ungarn) Und sie war mit genau 100 kmn auch die längste. Der Grenzübergang bei Radkersburg war schnell erreicht. Und die "neue Begleitung" war das kleine Flüsschen Lendava in Slowenien. War die Durchquerung in Slowenien noch ziemlich eben, so waren die Steigungen nach der ungarischen Grenze etwas grimmiger. Wer sagt, Ungarn bestehe nur aus der Tiefebene des Plattensee und der Puszta?

Gespannt waren die Radlerinnen und Radler auf die siebente und letzte Etappe. Und als gar zum morgendlichen Start in Gosztola ein Auto mit fünf Rennradlern parkte, war die Überraschung perfekt. Die Stadt Nagykanizsa schickte ein Vorkommando, damit wir das Ziel, den Rathausplatz in Nagykanizsa, sicher und pünktlich erreichen sollten. "Tour de France"-Gefühle kamen schließlich auf, als die letzten 19 km mit Polizeieskorte gefahren wurden und uns ein Fernsehteam vom Motorradgespann aus filmte. Pünktlich um 11:30 Uhr trafen die Puchheimer Radler bei herrlichem Wetter (28 Grad) in der ersten Partnerstadt ein. Natürlich ein Riesenempfang mit Flötenkonzert, Ansprachen, vielen Umarmungen und Küsschen, Presse und Interviews – es war geschafft!

Und von hier aus, nach dem Mittagessen nach Zalakaros (20 km), der zweiten Partnerstadt, war es nur noch ein kurzer Ritt. Sehr zurückhaltend drückten sich die ungarischen Gastgeber über diese Strecke aus: "Es geht nur über neun Hügel", aber diese hatten es in sich!

Nur kurz war der Aufenthalt zwischen Absatteln und Anzug, denn schon stand der Bus bereit zur Abfahrt nach Nagykanizsa. Die Festsitzung am Abend im dortigen Rathaus war sicher nochmals ein Event. Schon die Einführung - Phantasie auf Ballett und Klavier - mit dem Titel "Die Tragödie des Menschen" zeigte mit großer Grazie das "Tanztheater Mitteleuropa". Und daß die Beziehungen von Puchheim zur Partnerstadt Nagykanizsa in nur zehn Jahren ein hohes Format gebracht haben, zeigte sich deutlich bei den Festreden und Ehrungen. Nochmals - fast nicht endenden Applaus mit Zugaberufen bescherte die Tanzgruppe "Tüzvirag", eine ungarische Ausführung der "Riverside Dancers" Vielleicht ist der Weg gar nicht so weit entfernt, diese Topgruppe bald auch im Puchheimer Kulturtempel PUC zu applaudieren. Das Feuerwerk zum Abschluß der olympischen Sommerspiele in Sydney hat überall allerbeste Kritiken bekommen, das von Nagykanizsa auf dem dortigen Marktplatz bei angenehmen Sommertemperaturen hielt den Vergleich dazu stand.

Die ungarischen Gastgeber zeigten den Puchheimer Gästen wie schön ihre Region ist. Ein Busausflug am nächsten Tag mit dem Besuch des Marzipan-Museums in Keszthely würdigte eine einmalige Handwerkstradition der ungarischen Confiserie. Die dortigen Schaustücke, in kaum vorstellbarer Präzision, von der zwölfspännigen Hochzeitskutsche bis hin zur Häkeltischdecke, alles aus Marzipan, wahre Meisterleistungen. Auch der Besuch des Schlosses Festetics mit seiner mittelalterlichen Waffensammlung, seinen Bildern der Vorfahren und Besitzer - auch des Hauses Habsburg - zeigte eine vielfältige Geschichte. Die Zeit reichte gar nicht mehr aus, noch das ehrwürdige Puppenmuseum, mit seltenen und kostbaren Porzellanpuppen zu besichtigen. Ein kleiner Abstecher zum Kis-Balaton (Kleiner Plattensee) mit seiner ornithologischen Vielfalt rundete diesen Ausflug an einem herrlichen Sommertag ab.

Um Muskulatur in Bewegung zu halten, machten die Puchheimer Radler am Montagvormittag eine kleine Runde (gut 40 km) in die nähere Umgebung. Schon am Abend stand die nächste Feierlichkeit, die Festsitzung in Zalakaros, auf dem Programm. Nach vielen Ehrungen wurde auch hier die positive Zusammenarbeit der beiden Partnerstädte von den Bürgermeistern aus Zalakaros und Puchheim nachhaltig gewürdigt, ehe ein musikalischer Beitrag nochmals für großen Beifall garantierte. Hier waren es die Darbietungen der Frauen-Chorgruppe von Zalakaros. Nicht alltäglich, Nabuccos "Gefangenenchor" in glockenreinen Sopran- und Altstimmen in ungarischer Sprache zu hören!

Zehn Tage waren Puchheims Radler unterwegs. Viele neue Bekanntschaften und noch mehr Eindrücke machten es allen schwer, nun die Heimreise anzutreten. Nochmals ein Blick zurück und alle erdenklichen Wünsche, ehe Räder im Anhänger und Radler im Bus verschwanden und eine 600 km lange Reise in die Heimat bevorstand. Wir verstanden zwar nicht, was uns die ungarischen Gastgeber nachriefen, aber es sollen aufmunternde Worte gewesen sein: "Wir sehen uns in Puchheim wieder!"

Autor: Rudi Aumüller